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Gastvorträge des Ägyptologie-Forum Zürich im Herbstsemester 2022

Das Überleben der ägyptischen Rechtstradition in ptolemäischer und römischer Zeit

Datum:Do, 6. Oktober 2022
Zeit, Raum:18:30 Uhr, KOL-G-204
Referent: Prof. Dr. iur. José Luis Alonso (Universität Zürich)

Entgegen der Annahme, die Überlieferung des ägyptischen Rechtssystems sei nebst mythologischen Anspielungen spärlich bis nicht greifbar, sind uns insbesondere ab der Spätzeit bis in die römische Epoche der ägyptischen Geschichte zahlreiche Urkunden überliefert, anhand derer die ägyptische Rechtstradition direkt fassbar wird. Die demotische Schrift, die von Anfang an als Sprache der Verwaltung und der Rechtspraxis angesehen wurde, scheint eine erhebliche Verfeinerung der ägyptischen Tradition mit sich gebracht zu haben. Eine Entwicklung, die wir dank hunderter erhaltener demotischer Papyri recht detailliert rekonstruieren können. Diese einheimisch-ägyptische Rechtstradition überlebte nicht nur die persische Eroberung, sondern auch die mazedonische und die römische Annektierung. Nicht nur: In den letzten Jahren ist uns klar geworden, dass viele Elemente dieser ägyptischen Tradition auch in die griechischen Papyri Eingang gefunden haben, zuerst bei den einheimishcen Ägyptern, aber schon bald auch in den Interaktionen zwischen diesen und den Griechen und sogar zwischen Griechen, die anscheinend opportunistisch ägyptische Institutionen übernommen haben, wenn es ihnen passte. Damit werden Tausende von erhaltenen griechischen dokumentarischen Papyri zu potenziellen Quellen für die ägyptische Rechtsgeschichte - und müssen auf der Suche nach Überbleibseln der ägyptischen Rechtstradition aktiv neu untersucht werden. Dies ist eines der Hauptforschungsprojekte des Lehrstuhls für juristische Papyrologie der Universität Zürich. Ziel dieses Vortrags ist es, dieses spannende neue Forschungsgebiet anhand von Beispielen aus dem Bereich der Ehe- und Erbschaftspraxis der Bevölkerung in der ptolemäischen und frührömischen Zeit vorzustellen. Dadurch erhalten wir auch einen Einblick in die reiche Interaktionsdynamik zwischen den verschiedenen Kulturen und sozialen Gruppen, die im ptolemäischen und römischen Ägypten zusammenlebten, und einen Einblick in das Alltagsleben ganz normaler Menschen, die sich nie vorgestellt hätten, dass ihre Angelegenheiten zweitausend Jahre nach ihrem Leben Gegenstand von Diskussionen sein würden.


100 Jahre Entdeckung von Tutanchamuns Grab: neue Erkenntnisse über die Bestattung eines altbekannten Königs

Datum:Do, 24. November 2022
Zeit, Raum:18:30 Uhr, KOL-G-204
Referentin: Dr. phil. Fabienne Haas Dantes (Universität Zürich)

Die weitgehend unbekannten Jenseitsvorstellungen in der Übergangsphase von der Amarna- zur Nach-Amarnazeit lassen sich anhand mancher Artefakte aus dem Grab des Tutanchamun (KV 62) erfassen. In der unmittelbar vorangehenden Epoche übernimmt Echnaton in gewissem Sinne die Aufgabe eines Totengottes. Osiris selbst wird währen der Amarnazeit weitgehend ignoriert, da seine Zuständigkeiten komplett auf die Figur des Königs übertragen wurden. Der Pharao ist auch nach dem Tod erster Adressat des Verstorbenen und garantiert die Versorgung der Ahnen als oberstes Mittlerwesen. Umso mehr sei der nach-amarnischen Osiris-Werdung Tutanchamuns und der göttlichen Rolle dieses Königs nach seinem Tod Aufmerksamkeit geschenkt. Anhand der auf Tutanchamuns Mumie platzierten Objekte kann dieser Umstand und die unter diesem König noch mehr verstärkte Einbettung des Osiris in den Sonnenlauf aufgezeigt werden. Zudem weisen einige Artefakte eine Kombination zwischen Amarna-Stil, Bildsprache und einer innovativen Bildaussage auf, die das Bisherige mit Neuem vereint. Der Vortrag hat unter anderem den Sachverhalt zum Thema, inwiefern der Osiris-Kult in der unmittelbaren Nach-Amarnazeit unter Tutanchamun bereits wieder maßgebend etabliert war und sich in gleicher Art und Weise bis in die Ramessidenzeit nachweisen lässt.


Ägyptisch-deutsche Ausgrabungen im Tempel von Heliopolos 2021/2022

Datum:Do, 15. Dezember 2022
Zeit, Raum:18:30 Uhr, KOL-G-204
Referent: apl. Prof. Dr. phil. Dietrich Raue (Universität Leipzig / Deutsches Archäologisches Institut Kairo)

In drei Grabungskampagnen (Herbst 2021, Frühjahr und Herbst 2022) konnte im Sonnentempel von Heliopolis die neue Fragestellung nach der letzten Phase der Nutzung und Bebauung des Tempelbezirks intensiv studiert werden. Im zentralen Gebiet wurde eine Vielzahl von Bauteilen der 30. Dynastie vom letzten Neubau durch Nektanebos I. entdeckt. Zugleich wurde eine bessere Vorstellung von dem Nachleben des Tempelbetriebs in der ptolemäischen Zeit gewonnen. Die Arbeiten des Jahres 2022 fokussierten sich auf die unmittelbare Umgebung des Obelisken Sesostris' I. Hier konnte innerhalbt eines gewaltigen offenen Hofbereichs der Spätzeit eine in dieser Breite nicht erwartete Kontinuität königlichen Engagements nachgewiesen werden. Bislang noch wenig belegte Zeiträume, wie etwa die 4. Dynastie mit Bauteilen des Cheops oder Sanktuarinventar der 22. Dynastie, geben neue Einblicke in die Tempelgeschichte. Auch die jüngsten archäologischen Schichten des Tempels mit der neuzeitlichen Nutzung als Steinbruch erbrachten eine große Zahl von Denkmälern unterschiedlichster Zeitstufen und Ausstattungsbestandteile (Sphingen, Schreine, Stelen u. a.) des Tempelkultes aus zwei Jahrtausenden.